Am 30. August ist Internationaler Tag der Vermissten. Hinter jedem Menschen, dessen Aufenthaltsort oder Schicksal ungeklärt ist, stehen Angehörige, Familien und Freunde. Für sie kann Vermisstsein bedeuten, über lange Zeit mit Fragen zu leben: Wo ist der Mensch, den ich suche? Was ist mit ihm geschehen? Wird es irgendwann eine Nachricht oder Gewissheit geben?
Der Internationale Tag der Vermissten macht diese Situation sichtbar. Der DRK-Suchdienst nutzt den Gedenktag auch 2026, um auf die Situation suchender Angehöriger aufmerksam zu machen und über seine Hilfsangebote zu informieren. Das Vergissmeinnicht steht dabei als Zeichen gegen das Vergessen und für die Solidarität mit Menschen, die nach ihren Angehörigen suchen.
Vermisstenschicksale sind nicht nur Vergangenheit
Die Geschichte des DRK-Suchdienstes ist eng mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs verbunden. Noch mehr als 80 Jahre nach Kriegsende gibt es Familien, in denen Fragen nach dem Schicksal vermisster Angehöriger offen sind. Alte Briefe, Fotos, Feldpostnummern oder Erzählungen können bis heute Ausgangspunkt für eine erneute Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte sein.
Doch Vermisstsein ist keineswegs nur ein historisches Thema.
Auch heute werden Menschen durch bewaffnete Konflikte, Katastrophen, Flucht, Vertreibung oder Migration von ihren Familien getrennt. Der DRK-Suchdienst unterstützt bei der Suche nach vermissten Angehörigen, hilft dabei, unterbrochene familiäre Kontakte wiederherzustellen und trägt zur Zusammenführung von Familien bei. Suchanfragen können innerhalb des internationalen Suchdienst-Netzwerks an das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sowie an Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften in anderen Ländern weitergegeben werden.
Damit beschreibt der Leitsatz „Suchen. Verbinden. Vereinen.“ eine Aufgabe, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet.
Eine „Trauer im Hintergrund“: das Schicksal von Herwig Orf
Wie lange ein Vermisstenschicksal in einer Familie weiterwirken kann, zeigt die Geschichte von Herwig Orf.
Für Gisela Orf war er immer Teil der Familiengeschichte, obwohl sie ihn selbst nie kennengelernt hat. Herwig Orf war der Bruder ihres Mannes. Geboren wurde er im Sommer 1927. Seit den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs galt er als vermisst.
Frau Orf beschreibt die Erinnerung in der Familie als eine „Trauer im Hintergrund“. Bei ihren Schwiegereltern blieb lange die Hoffnung, Herwig könnte vielleicht doch noch zurückkehren. Bei Familienfesten wurde darüber gesprochen, wie es wäre, wenn er dabei wäre. Hoffnung und Traurigkeit, aber auch Hilflosigkeit und offene Fragen wurden so über viele Jahre Teil der Familiengeschichte.
Der DRK-Suchdienst konnte bei der Einordnung seines Schicksals auf umfangreiche frühere Nachforschungen zurückgreifen. In den Unterlagen befindet sich ein Gutachten vom 17. August 1970. Dafür waren verschiedene Ermittlungswege zusammengeführt worden: Angaben aus dem Suchantrag, die Aufnahme in die DRK-Verschollenenbildliste, Befragungen erreichbarer Heimkehrer aus Krieg und Gefangenschaft sowie Informationen weiterer Stellen. Zusätzlich wurden damalige Kampfhandlungen rekonstruiert und mit Angaben zu Angehörigen derselben Einheit abgeglichen.
Herwig Orf war nach den Unterlagen der Sturmgeschütz-Abteilung 500 zugeordnet. Seine letzte eigene Nachricht stammt vom 20. Januar 1945. Das Gutachten kommt zu der Einschätzung, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen dem 20. Januar und dem 21. Februar 1945 bei den Kämpfen um Posen gefallen ist.
Eine abschließende amtliche Todesfeststellung ersetzt diese Einschätzung nicht. Sie ordnet jedoch die vorhandenen Hinweise ein. Für Angehörige kann auch eine solche Einordnung bedeutsam sein: Nicht jede Frage lässt sich beantworten, doch eine sorgfältige Recherche oder der Zugang zu Archivinformationen können helfen, eine jahrzehntelange Ungewissheit in einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu stellen.
Vergissmeinnicht – ein sichtbares Zeichen
Rund um den Internationalen Tag der Vermissten greift der DRK-Suchdienst auch in diesem Jahr wieder das Vergissmeinnicht als Symbol auf. Die bundesweite Aktion steht für Menschen, deren Schicksal ungeklärt geblieben ist, und für Angehörige, die auf Nachrichten warten. Die Aktionsunterlagen des DRK-Suchdienstes verbinden das Symbol mit rund 200.000 Menschen, die von ihren Angehörigen vermisst werden.
Auch in Hessen und im Schwalm-Eder-Kreis wird die Aktion umgesetzt. Mitarbeitende des DRK-Suchdienstes säen Vergissmeinnicht und setzen damit ein Zeichen gegen das Vergessen. Die Aktion soll zugleich darauf aufmerksam machen, dass der Suchdienst
für Angehörige ansprechbar ist – sowohl bei aktuellen Trennungen als auch bei offenen Schicksalen aus der Vergangenheit.
Auch die Geschäftsführung des DRK-Kreisverbandes Schwalm-Eder unterstützt die Aktion und setzt mit dem Aussäen der Vergissmeinnicht ein sichtbares Zeichen für die Suchdienstarbeit vor Ort.
Ansprechpartner für suchende Angehörige
Wer aufgrund von bewaffneten Konflikten, Katastrophen, Flucht, Vertreibung oder Migration den Kontakt zu einem Familienangehörigen verloren hat, kann sich ebenso an den DRK-Suchdienst wenden wie Menschen, die nach Informationen zu einem Vermisstenschicksal aus dem Zweiten Weltkrieg suchen. Die örtlichen Suchdienst-Beratungsstellen unterstützen bei der ersten Einordnung und leiten Anliegen bei Bedarf an die zuständigen Stellen im nationalen oder internationalen Suchdienst-Netzwerk weiter.
Kassel Stadt und Landkreis Kassel
Sabine Grabow
DRK-Region Kassel
Email: grabow@drk-kassel.de
Tel. 0561 72904-125
Schwalm-Eder, Bad Wildungen, Frankenberg, Eschwege und Hersfeld-Rotenburg
Pascal Marggraf
DRK-Kreisverband Schwalm-Eder e. V.
Email: pascal.marggraf@drk-schwalm-eder.de
Tel. 06691 94 63 17
Weitere Informationen: www.drk-suchdienst.de



